Bunker

Selbst eingefleischte Mannheimer, die ihre Stadt in- und auswendig zu kennen glauben, dürften eine große Überraschung erleben: In der Langen Nacht öffnet sich der Bunker unter dem Paradeplatz. Es ist ein Ort, an dem im Zweiten Weltkrieg 1.500 Menschen Schutz vor Bombenangriffen fanden und der nach dem Krieg tatsächlich als Hotel diente und Betten für 65 Gäste bot – während aus vielen anderen der 52 Luftschutzbunker in der Stadt Tiefgaragen wurden oder Menschen dort Notunterkünfte fanden.
Die Ausstellung, die in der Langen Nacht an diesem historischen Ort unter dem zentralsten Platz der Stadt gezeigt wird, heißt „Spotlight to the Underground“, und das hat einen doppelten Sinn. Es wird nicht nur Kunst im Untergrund gezeigt – bei den Werken handelt es sich selbst um urbane Underground-Kunst: Es geht um Graffiti. Zwar ist diese Stilrichtung längst etabliert und in den Galerien zwischen Shanghai und New York angekommen. Aber immer noch haftet ihr der Ruf des Unreifen und schwer Zugänglichen an.
Der gebürtige Mannheimer Pablo Fontagnier hat die Ausstellung konzipiert. Unter dem Künstlernamen Hombre, den er seit gut zehn Jahren trägt, hat er es zu einem der bekanntesten Graffiti-Künstler Deutschlands gebracht und nicht nur unzählige Wände wie die der Straßenbahn-Haltestelle Dalbergstraße in seiner Heimatstadt verschönert – und das oft gemeinsam mit Jugendlichen –, sondern auch Einladungen zu Festivals in aller Welt angenommen und seine Kunst bei Ausstellungen auf mehreren Kontinenten gezeigt. Wer seine Figuren und Szenen einmal gesehen hat, erkennt sie immer wieder.
Ein Tribut an die Vielfältigkeit soll in dieser Langen Nacht entstehen: Es werden vier Säulen gewählt, denen jeweils eine Wand gewidmet wird. Exemplarisch werden Menschen abgebildet, die eine Volksgruppe visuell wiedergeben – und im Zusammenspiel mit der für die Region typischen Typografie bildet das eine Hommage an ihre Kultur. Teils skizzenhaft, teils akribisch detail­verliebt greifen Schrift und Bild ineinander – genau wie beim Graffiti. Pablo Fontagnier möchte damit daran erinnern, dass in Mannheim Menschen ganz verschiedener Kulturen so selbstverständlich miteinander leben, dass sie darüber oft gar nicht mehr nachdenken.
Für Fontagnier hat die Ausstellung unter dem zentralen Platz Mannheims etwas Symbolisches. Jeder soll den Abstieg unter seine vorgefertigte Meinung wagen und die „comfort zone“ in unkonventionellen Umfeldern der Kunstdarbietung verlassen. Und dabei etwas über das eigene Leben lernen – und mit dem konfrontiert werden, was man manchmal ganz gerne übersieht. An Pablos Seite ist sein langjähriger Wegbegleiter und enger Freund Pascal Gützloe aus Erfurt.
Die beiden wollen zeigen, welche Perlen im Untergrund zu finden sind und was sich unter einer Oberfläche alles verbergen kann. Unterhalb des Paradeplatzes, der räumlichen wie emotionalen Mitte Mannheims, tritt in einer einmaligen Inszenierung Graffiti aus dem Untergrund in das Licht der Öffentlichkeit.